Flensburger Avis - 13. April 2004
Macht macht lieblos
Kritik. "Madame Butterfly" stirbt für ihre Liebe. Die Neuinszenierung des Landestheaters weckt Gefühle.
FLENSBURG. Operndirektor Harald Höferl vermeidet Kitsch und schildert das Liebesdrama glaubwürdig. Mit Cho-Cho San, der liebenden und zum Selbstmord getriebenen Frau, wird etwas ausgedrückt, das jeder Zuschauer in sich spürt. Genau das, was er in unserer verschlossenen und gefühlsarmen Gesellschaft nicht ausleben kann. Zeitkritische Aspekte fachen Neugier und Interesse beim Publikum an. Zu sehen und hören ist keine olle Kamelle, sonder das Leiden von Menschen unter der Arroganz der Mächtigen. Im Weltmachtrausch wurden von Rom und wer den von Washington unverzeihliche Fehler gemacht. Eine riesige US-Flagge weist auf den Hintergrund des tragischen Geschehens hin.
Zwischenzeile
2. Akt: Japanische Mütter mit ihren amerikanischen Soldatenkindern suchen vergeblich Hilfe im USKonsulat. Butterfly ist kein Einzelfall, sondern ein Spiegelbild der Zeit.
Puccinis extrem gefühlsgeladene Musik fesselt die Opernbesucher, denn Sänger und Orchester sind hier aus vollen Herzen die sehr guten Vermittler.
Durch fernöstliche Melodien und pentatonisches Tonsystem hat Puccini seine Lieblingsoper japanisch beseelt. Da lässt Kapellmeisterin Hsia-Lin Liao keine Verkrustung zu. Die junge Dirigentin, gebürtig in Taiwan, führt Orchester und Sänger zu tiefempfundenen Regungen somit zu suggestiver Wirkung.
Was an psychologischen Feinheiten wegen der durchweg italienischen Sprache den Zuschauern verloren geht, das machen Musiker und Darstellungskraft wett.
Wunderbare Stimmen
Butterflys Schicksalslauf von der glücklosen Braut wird von Ruxandra Urderean faszinierend dargestellt. Klar der Klang, Überzeugend das Leiden. Jede Nuance wird durch ihre Stimme zum Erwecker des Mitgefühl im Publikum.
Der vielversprechende junge Tenor Guiseppe Jacovo ist Pinkerton. Ein US-Offizier, der eine Scheinheirat im fremden Land eingeht, obwohl er in Amerika längst verheiratet ist. Verachtenswert. Doch um Butterflys echte Liebe zu rechtfertigen, hat Puccini ihm ein paar positive Züge zugestanden. Romantisch beschönigend darf er durch "Lebwohl mein Blütenreich" auf seine schöne Stimme aufmerksam machen.
Ansgar Hünting gibt mit wohltuendem Bariton dem Konsul verständnisvolle Haltung. Eun-Jin Seo mit umfangreicehem Alt als Dienerin, Helmut Tromm als typischer Kuppler, die Aktiven der Nebenrollen und der Chor setzen weitere Glanzlichter auf. "Um in Ehren zu sterben, wenn Leben in Ehre nicht mehr möglich ist", steht auf dem Schwert ihres Vaters und darum wählt Butterfly den Freitod, Ihren von Pinkerton gezeugten Sohn überlässt sie der Obhut von dessen Frau Kate.
Erneut ein Publikumserfolg derOpernsparte des Landestheaters.
Carl Hagens
Zeitbild vom Wert der Frau
Man mietet eine Nusume (junges Mädchen) und gibt ihr vier Dollar, womit sie beim japanischen Zollhaus in Yokohama eine Lizenz kauft, die sie berechtigt, für einen Monat meine Gefährtin zu sein, und ihr auch ein tägliches Bad in einem öffentlichen Badehaus erlaubt.
Man mietet ein Häuschen für 25 Dollar und eine Dienerin für 10 Dollar, und dann geniesst man in Sicherheit die Annehmlichkeiten einer Ehe: Für 39 Dollar pro Monat.
Wenn das Mädchen dir gefällt, verlängerst du den Vertrag. - Wird sie treu sein? - Ja, ganz bestimmt! Wenn sie gefasst wird, hast du nämlich das Recht, sie vor einen japanische Gerichtshof zu bringen, wo sie eine gehörige Tracht Prügel erhält.
Wenn du darauf bestehst, wird sie verkauft und muss als gewöhnliche Prostituierte zehn Jahre arbeiten.
Samuel Boyer um 1860