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Kieler Nachrichten - 6. April 2004

Spiele mit Spass und Sinn

Puccinis "Madame Butterfly" in Flensburg - Wittenbrinks "Sekretärinnen" in Schleswig

Musik bestimmt den Gefühlshaushalt - auch im Landestheater: Das Liebesdrama Madame Butterfly (Premiere in Flensburg) wäre ohne Puccinis schwelgerischen Klangreichtum kaum denkbar, aber auch in der scheinbar nüchternen Welt der Sekretärinnen (Premiere in Schleswig) legen Lieder verborgene Seelenschichten frei.

Von Oliver Stenzel

Spiele mit Spass und Sinn Puccinis Madame Butterfly in Flensburg Kieler Nachrichten - 6. April 2004

Wie zu erwarten, gibt es viele Trippelschritte und Verbeugungen zu sehen, wenn sich Opernchef Harald Höferl Puccinis süßlicher Tragödie Madame Butterfly annimmt. Und wie immer kommt man auch ganz ohne Dechiffrierarbeit durch die drei Akte, denn so wie Puccini selbst auf musikalischer Ebene ein folkloristisch ausgerichtetes Kunsthandwerk betrieb, speist sich auch das Japan-Bild der Inszenierung aus dieser Quelle.

Doch während Höferls "werktreuer" Ansatz an gleicher Stelle manches Mal in altbackenes Kostüm- und Kulissentheater mündete, macht diese Puccini-Lesart in vieler Hinsicht vor allem Spaß, aber auch Sinn. Das Bühnenbild (Wilfried Sakowitz) wartet mit ein paar schönen, bunten Überraschungen auf, deren Überzeugungskraft sich stellenweise sogar auf die Kimono-Ästhetik der Gewänder überträgt (Kostüme: Martina Lüpke). Wie ein gelungener Pop-Art-Anfall etwa wirkt die überdimensionale Stars-and-Stripes-Fahne im amerikanischen Konsulat von Nagasaki: Hier feiern Ansgar Hüning als Konsul Sharpless und Giuseppe Jacovo in der Rolle des Leutnant Pinkerton den Geist der Unabhängigkeit, trinken gemeinsam über die Moral hinaus. So wie man Hünings klarem, im guten Wortsinne schlicht geführtem Bariton die Pilatusrolle abnimmt, wirkt auch Jacovo, Flensburgs vielfach gefeierter Gefühlstenor, als eigennütziger Lebemann überzeugend.

Durch die Vermittlung von Brautverkäufer Goro (schön fies: Helmut Tromm) gerät er in die Arme von Cho-Cho San, die hier in Gestalt von Ruxandra Urderean zu einer gewinnenden Butterfly wird. Das mit Bedacht zusammengeführte Sängerpaar, das sein Publikum in gleicher Kombination bereits in Puccinis "Boheme" und Massenets "Manen" begeisterte, kann auch hier wieder für sich einnehmen, wenn es vor hübschem Papiertheater-Hintergrund, von reizvollen Licht- und Farbspielen flankiert, dem Reiz der Sternennacht erliegt. Die dritte Hauptrolle des Abends fällt Eun-Jin Seo zu, die als Dienerin Suzuki nicht nur mit absoluter Bühnenpräsenz für sich einnehmen kann, sondern zugleich ein Fest der Mezzofarben feiert, das in seiner Intensität und Vielförmigkeit frappiert. So entsteht ein reizvoller Kontrast: Wo Urdereans strahlkräftiger Sopran oft wie eine Flutwelle durch das Theater dringt, wirkt Seos nuanciert ausgestalteter Gegenpart wie das zarte Zusammenspiel vieler kleiner Wellen.

Während auf der Bühne die Kirschblüten fallen, ist und bleibt es im Orchestergraben Frühling. Denn dass sich die Sängerkünste dort oben so frei und natürlich entfalten können, liegt in besonderem Masse auch an Hsiao-Lin Liao, die das aufgeweckte Schleswig-Holsteinische Sinfonieorchester ohne Ermüdungserscheinungen durch eine Partitur führt, die gerade dafür genug Anhaltspunkte liefern würde. Herrlich, wie frisch und unverbraucht hier jeder Ton klingt, wie Flensburgs 1. Kapellmeisterin einen ganz und gar ausgewogenen Puccini präsentiert, ohne dabei auch nur einen Hauch von Spannung preiszugeben. Unausweichlich, dass sich in den Schlussapplaus immer wieder laute Bravi mischen. Für die gibt es an diesem Abend wirklich viele gute Gründe.