Holsteinischer Courier - 4. November 2003
Eine Oper auf Zeitreise
Zwiespältige "Manon" am Landestheater
Flensburg - Detlef Bielefeld
Abbé Prevosts berühmter Roman aus dem 18. Jahrhundert in der geschmeidigen Vertonung Jules Massenets von 1884, modernistisch adaptiert von Regisseurin Renate Liedtke-Fritzsch: Die Premiere von „Manon" am Landestheater in Flensburg hinterließ irritierende Fragen.
Da befleißigte sich das gut aufgelegte Sinfonieorchester unter GMD Gerard Oskamp zartester Lyrismen und federnder Eleganz - auf der Bühne dagegen herrschten hemdsärmelige Agitation und veristische Phonstärken. Da erlebte man mit Giuseppe Jacovo ein stilistisch rollendeckendes Porträt des jugendlich-schwärmerischen Helden De Grieux voll abgestufter Klangfarben - seine große Liebe Manon (Ruxandra Urderean) dagegen gerierte sich als großvolumige Heroine voll Kalkül und Dominanz, die einem Mädchen von 17 Jahren kaum zu Gebote stehen dürften: Unerfahrener Jüngling contra gerissene Lebedame - wie passt dies zu den literarisch-musikalischen Vorlagen?
Regisseurin LiedtkeFritzsch wollte unbedingte Aktualisierung: Das modischschicke Einheitsbühnenbild (Hans Ellerfeld) nutzte sie zu gefälligen Arrangements voller Action und logischen Ungereimtheiten, ohne dass dem Betrachter verständlich wurde, warum dieses so beliebt-berühmte Werk einer "Verjüngungskur" bedurft hätte. Der Ehrencodex einer längst vergangene Gesellschaft im Paris des 21. Jahrhunderts - wie geht das zusammen ?
Heroine und Jüngling: Ruxandra Urderean und Giuseppe Jacovo. Foto: dew
Was bleibt: Eine überzeugend-prächtige Rollenstudie des tenoralen Liebhabers, solide Leistungen des Ensembles und des auch szenisch aktiven Chores, ein geschmeidig musizierendes Orchester und eine Titelheldin, die bei aller Präsenz und schönem vokalen Potenzial an einer glaubhaften Rollengestaltung der verführerisch-flatterhaften Kindfrau Manon auf hohem Niveau scheiterte. Opera-comique auf Zeitreise ins Hier und Heute: Das mag im aktuellen Regietrend liegen - in Flensburg nutzte es weder dem Werk noch dem irritierten Besucher.