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Kieler Nachrichten - 9. September 2002

Husten, heulen, Händchen halten

Puccinis "La Bohème" in Flensburg

Korrekterweise müsste der kleine Ofen eigentlich ein Kamin sein und nicht rechts, sondern links im Zimmer stehen. So sieht es das Libretto vor, dessen Angaben hier doch auch sonst als verbindlich angesehen werden. Harald Höferl ist es Ernst mit dem Verismo, und eben deshalb fängt man im Laufe seiner La Bohème-Inszenierung zwangsläufig an, über solche Kleinigkeiten nachzudenken, weil der Mensch ja immer denken muss und es ansonsten einfach nichts zu denken gibt. Zur Spielzeiteröffnung des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters erlebt der wahlweise beglückte oder entsetzte Gast in Flensburg das seltene Paradox einer quasi interpretationsfreien Deutung.

Hier bleiben keine Fragen offen, weil sie erst gar nicht gestellt werden, und wer keine Zeit mehr hatte, in den Opernführer zu blicken, dem wird selbst noch das "Café Momus" im zweiten Bild als solches vorgestellt.

Die Vorteile eines solchen Vorgehens sind nicht von der Hand zu weisen: Nicht nur darf es sich der Zuschauer für zweieinhalb Stunden so richtig spielfilmgemütlich machen, auch die Sänger können sich auf das konzentrieren, worauf es an diesem Abend letztendlich ankommt: Husten, heulen, Händchen halten. Auf Wilfried Sakowitz' sozialromantischer Bohème-Bühne kann man nicht viel falsch machen, die von Martina Lüpke entworfenen Edellumpen-Kostüme garantieren überdies weitgehende Bewegungsfreiheit.

Stimmkräftiges Paar: Ruxandra Urderean (Mirai), Giuseppe Jacovo (Rodolfo). Foto LandestheaterFast ein wenig unterfordert wirken daher die Mitglieder des Sänger-Ensembles, denen die Aufgabe zufällt, die immerhin musikalisch reichlich vorhandenen Trumpfkarten dieser Premiere auszuspielen. Denn mit Ruxandra Urderean und Giuseppe Jacovo ist hier ein stimmiges Traumpaar zu erleben, das die Bravi-Rate beim Schlussapplaus zu Recht in die Höhe treibt. Zu feiern gibt es eine stimmgewaltige, gut ausgeglichene Mimi mit flüssigem Ton, in deren Ausdruck sich emotionale Intensität reizvoll mit orphischen Elementen mischt. Ihr, erliegt ein Rodolfo, der mit seinem flexiblen, quecksilbrigen Tenor schlanken Schmelz verbreitet, in höchster Höhe zwar nicht immer völlig frei, aber doch stets noch überzeugend wirkt.

Schlagend auch die Kreuzung Musetta/Marcello, die Antje Bitterlich und Jörg Sändig kunstvoll zickend zum Ausdruck bringen. Wo der scharf geschnittene, aber zugleich auch einnehmend lyrische Bariton auf die spitz und charmant formulierten Eigensinnigkeiten der Sopranistin trifft, wird die Dauerkrise zumindest für den Zuschauer zum sängerischen Lustspiel. Als gut besetzte Bohemiens am Rande können auch Ansgar Hüning als weich zeichnender Schaunard und Jacek Janiszewski als kraftvoll gewitternder Collin punkten.

Kieler Nachrichten - 9. September 2002: Husten, heulen, Händchen halten - Puccinis La Bohème in Flensburg

Flensburgs neuer GMD Gerard Oskamp schließlich beweist mit dem eloquent und harmonisch agierenden Schleswig-Holsteinischen Sinfonieorchester viel guten Puccini Geschmack, wenn er die Partitur zwar ungemein plastisch und farbenprächtig zum Blühen bringt, den Fuß dabei jedoch auch immer auf der Kitschbremse lässt. Denn für Kitsch braucht man wirklich nicht mehr zu sorgen an diesem Spätsommerabend, der dem Flensburger Publikum kurioserweise ein verfrühtes Weihnachtsmärchen bescherte.

Oliver Stenzel

Aufführungen: Morgen, 14., 24., 26. September. Karten t 0461/23388, Internet: www.sh-landestheater.de