Giacomo Puccini's
"Madame Butterfly" in Flensburg
Schleswig-Holsteinische
Landestheater und Sinfonieorchester GmbH
Spielzeit 2003/2004 - Generalintendant Michael Grosse
www.sh-landestheater.de
- Oper von Giacomo Puccini in italienischer Sprache
- Japanische Tragödie in drei Akten von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa
- Musik von Giacomo Puccini
- Musikalische Leitung: Hsiao-Lin Liao,
- Inszenierung: Harald Höferl
- Bühnenbild: Wilfried Sakowitz
- Kostüme: Martina Lüpke
- Premiere: Samstag 3. April 2004
Es singen und spielen:
- Cho-Cho-San, genannt Butterfly: Ruxandra Urderean
- Suzuki, ihre Dienerin: Eun-Jin Seo / Elisabeth Villebois
- Kate Pinkerton: Oxana Sevostianova / Rhonda-Lynn Lehmann
- F.B. Pinkerton, Leutnant der US-Marine: Giuseppe Jacovo
- Sharpless, Konsul der USA in Nagasaki: Ansgar Hüning/Jörg Sändig
- Goro: Helmut Tromm
- Der Fürst Yamadori: Jin Hak Mok
- Der Onkel Priester :Jacek Janiszewski / Markus Wessiack
- Der kaiserliche Kommissar: Lucian Cristiniuc / ln Tack Liem
- Der Standesbeamte: Gerald Geiling / Dmitri Metkin
- Onkel: Octavian Georgescu / Hee-Jung Seo
- Cousine: Polina lvanova / Rhonda-Lynn Lehmann
- Tante: Viktoria Loutskaja / Sünne Ohlen
- Mutter: Emma Victoria Stern / Claudia Vetter
- Sekretärin: Hannelore Diem-Zeitz
- Das Kind: Lara Westphal / Jasna Barkowsky / Johannes Marder
- Opernchor des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters
- Schleswig-Holsteinisches Sinfonieorchester
Ich folg dem Ruf der Liebe,
ihrem lockenden Ruf,
ich komm zu dir Geliebter,
ich komm, mit dir zu leben
treu bis zum Tod.
Der in Japan zeitweise stationierte amerikanische Marineoffizier F.B. Pinkerton heiratet, vom "Heiratsvermittler" Gogo empfohlen, nach japanischem Ritus die junge Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly.
Während Pinkerton kein Risiko eingeht, in den USA hätte diese Heirat keine rechtliche Gültigkeit, trennt sich Cio-Cio-San von ihrer Religion und wird Christin, was einen Bruch mit Familie und Freunden zur Folge hat. Pinkerton verlässt Japan. Butterfly wartet zusammen mit dem gemeinsamen Kind jahrelang voller Sehnsucht auf ihn. Die Rückkehr des geliebten Mannes beendet nicht ihre Tragödie, im Gegenteil.
Mit ihrer tiefen Liebe, mit der Ehrlichkeit ihrer Gefühle und Haltungen versuchen Puccinis Frauengestalten, sich in einer widersprüchlichen Welt zu behaupten. Cho-Cho-San, genannt Butterfly, ist eine solche Frau. Sie liebt den zeitweise in Japan stationierten Marineoffizier Pinkerton, gibt für ihn ihre Religion, ihre Tradition und ihre Familie auf. Doch er sieht in der Verbindung mit ihr nur eine Liaison. Pinkerton verlässt das Land der aufgehenden Sonne. Butterfly bringt ein Kind zur Welt und wartet jahrelang sehnsüchtig auf den geliebten Mann. Als der tatsächlich zurück kehrt, endet nicht Butterflys Tragödie, sie beginnt erst.
Puccinis Klangphantasie zeichnet sich durch ebenso subtile wie raffinierte Wirkungen aus. Der Komponist verarbeitete zwar einige japanische Volksweisen, fügte sie aber völlig seiner Tonsprache ein. Puccini liebte diese Oper mit ihrer "Musik der kleinen Dinge" sehr und sah in ihr sein bestes und modernstes Werk.
Giacomo Puccini war ein Vollblutmusiker des Theaters. Wie Verdi beurteilte er den Wert seiner Musik nach ihrer Wirkung. Und sie wirkt bis heute. Opern wie "La Bohème", "Tosca", "Turandot" und "Madame Butterfly" betören und berühren uns immer noch. Puccini bezeichnete sich selbst als Musiker der kleinen Dinge Und bekannte: Ich bin nicht geschaffen für heroische Gesten. Ich liebe die Seelen, die wie wir fühlen, aus Hoffnung und Illusion bestehen, die blitzende Freude und tränende Wehmut empfinden.
"Madame Butterfly" dürfte die populärste Oper Puccinis sein. Dass sie bei ihrer Uraufführung in Mailand durchfiel und erst seit der zweiten Aufführung in Brescia ihren Siegeszug durch die Welt begann, ist heute nicht mehr als eine historische Randnotiz. Puccini war von Anfang an vom Erfolg überzeugt, und er sollte Recht behalten. Er liebte diese Oper, betrachtete sie zeitlebens als sein bestes und modernstes Werk. Subtil zeichnete er der. Charakter der Titelfigur, gestaltete feinnervig, raffiniert und mit großer Klangfantasie.
Handlung
1. Akt
Im amerikanischen Konsulat von Nagasaki zeigt der Heiratsvermittler Goro Leutnant Pinkerton von der US-Marine das Modell des für ihn gekauften Hauses. Hier wird Pinkerton mit der jungen Geisha Cho-Cho-San leben, die er zuvor heiraten will. Die Vermittlungsgebühr für diese Ehe beträgt 100 Yen. Sie wird nach japanischer Sitte für 999 Jahre geschlossen, kann jedoch jeden Monat geschieden werden.
Goro stellt dem Offizier die Dienerschaft, darunter Suzuki, vor. Als Konsul Sharpless erscheint, gibt ihm Pinkerton freimütig zu verstehen, dass er das Leben genießen wolle, ohne auf andere Menschen zu achten. Sharpless stößt mit ihm an, missbilligt aber diese Einstellung. Von weitem hört man Cho-Cho-San und ihre Begleiterinnen singen. Die Geisha, von Pinkerton Butterfly genannt, betritt mit ihren Verwandten und Freundinnen das Konsulat. Ein kaiserlicher Beamter nimmt die Trauung vor.
Die Feier wird durch den Onkel Priester gestört, der Butterfly vorwirft, dass sie wegen ihrer Heirat mit dem Amerikaner die Religion ihrer Ahnen verraten habe. Er verflucht seine Nichte. Sie wird von den Verwandten verlassen. Pinkerton stört das alles nicht weiter. Er will Butterfly in dieser Sternennacht besitzen. Von der Ehrlichkeit ihrer Gefühle wird er für den Moment hingerissen.
2. Akt
Während Suzuki betet, wartet Butterfly im Konsulat zusammen mit anderen Frauen, die wie sie Amerikaner geheiratet und von ihnen Kinder bekommen haben, auf Nachricht von Pinkerton. Seit Jahren hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie wird auf ihre wegen Pinkerton skeptische Dienerin Suzuki wütend. Goro sucht Sharpless auf und rät in dessen Beisein Butterfly zur Heirat mit dem reichen Fürsten Yamadori, der bald selbst erscheint und von ihr erst höflich, dann spöttisch abgelehnt wird. Verlegen liest Sharpless Butterfly einen Brief Pinkertons vor, in dem dieser seine neue Heirat mit einer Amerikanerin beschreibt. Sie unterbricht ihn mehrmals. Aus Mitleid zögert Sharpless, ihr die ganze Wahrheit zu sagen. Sie stellt ihm ihren Sohn, dessen Vater Pinkerton ist, vor und erklärt dem Konsul, dass sie betteln gehen müsste, wenn ihr Mann nicht bald zurück käme. Während sie dem Kleinen ein zärtliches Lied singt, geht der betroffene Konsul. Ein Kanonenschuss lässt Butterfly zusammen zucken. Er kündigt das Einlaufen eines amerikanischen Kriegsschiffes an, auf dem Pinkerton dient. Cho-Cho-San eilt in ihr Haus, schmückt es mit Blumen und wartet die ganze Nacht auf den geliebten Mann.
3. Akt
Die Nacht ist in vergeblicher Erwartung vergangen. Suzuki bittet Butterfly, zu schlafen. Da kommt Pinkerton mit seiner Frau Kate und mit dem Konsul, um von Butterfly das Kind zu holen. Suzuki erzählt ihm, wie sehr Butterfly gelitten hat, wie sie ihn liebt, dass sie auf ihn gewartet hat. Pinkerton ist zu feige, sich Butterfly zu stellen und geht. Sie kommt, sieht nur die amerikanische Frau und begreift die Wahrheit. Ihr Kind will sie aber nur Pinkerton selbst geben. Allein geblieben bereitet sie ihren Selbstmord vor. Sie verabschiedet sich von ihrem Kind und sticht sich den Dolch in den Hals. Als Pinkerton erscheint, stirbt sie.
Gedanken zu Madame Butterfly
Aus den historischen Dokumenten geht hervor, dass die Japaner mit Gewalt gezwungen wurden, den westlichen Mächten ihre Häfen zu öffnen und Handelsverträge einzugehen. Commodore Perry war 1853 der Erste, der mit seinen "Schwarzen Schiffen" Angst und Panik verbreitete. Aber nicht nur die Amerikaner, sondern auch Russen, Holländer, Franzosen und Preußen waren an den Kämpfen beteiligt. Die Moral der Shogun-Zeit, die durch die Abkapselung Japans nach außen hin, auf einem hohen Standard war, brach durch die fremden Truppen schnell zusammen. Schon 1860 berichten Augenzeugen von käuflicher Liebe, von Bordellen usw.
Die Geisha war anfänglich nur eine Begleiterin und Unterhalterin reicher japanischer Männer ohne sexuelle Kontakte, modern würde man sagen, sie waren Hostessen und wurden als solche auch von den japanischen Frauen, die sich ganz dem Haushalt widmeten, geduldet. Mit dem Einbruch der fremden Mächte blühte aber bald die sexuelle Käuflichkeit. Die Offiziere und Seelaute mussten unterhalten werden. Mädchenhandel und Schwarzmärkte florierten, Geld regierte und bestimmte das tägliche Leben. Im Gegenzug nahmen die Japaner Sitten und Mode der westlichen Welt an. Man ging sogar ins Ausland, um dort zu studieren. Das Schicksal unserer Titelheldin kann kein Einzelschicksal gewesen sein. Sie setzt sich von den anderen Mädchen nur durch ihre bedingungslose Liebe und Treue bis in den Tod ab. 'Sie ist "von einer ungeheuren Tapferkeit, mit einer Härte gezeichnet, die sie als eine Figur wie Jeanne d'Arc erscheinen lässt" (J. P. Ponnelle). Von echter Liebe erfüllt, kann sie nicht auf die Straße zurück, um wieder Liebesdienerin zu werden.
Vor diesem Hintergrund ist es kaum möglich, ein kitschiges Japan mit grünen Hügeln, romantischen Häuschen und künstlichen Kirschbäumen zu zeigen. Selbst die japanischen Musikfloskeln und das japanische Zeremoniell verlieren vor diesem politischen und moralischen Umfeld an Bedeutung. Die Musik Puccinis ist, bezogen auf die Hauptfiguren, von starker Emotion geprägt und große italienische Oper. Auch die Figuren des Goro und des Konsuls zeichnen sich bei diesen Überlegungen stärker ab. Sharpless lehnt in seinem Innersten die Machenschaften des Mädchenhändlers und die "japanische Hochzeit" Pinkertons ab, muss aber, um seine Landsleute in der Fremde bei Laune zu erhalten, "mitspielen". Die Dienerin Suzuki, zuerst auch gekauft, entwickelt sich zur wahren Freundin Butterflys. Sie steht ihr sogar bei, den schrecklichen, aber ehrenhaften Harakiri-Tod (bei Frauen das Öffnen der Halsschlagader und nicht das Herausreißen der Gedärme wie bei Männern) zu sterben.
Harald Höferl
In einer letzten Bewegung spült die Musik Pinkerton an den Strand, wie eine Flasche strandet, auf dem Schaum einer sich brechenden, bitteren Welle. Das letzte Wort hat immer ein Mann.
Ein Mann am Strand, da wo der Schaum schmutzig ist.
Catherine Clément
Je öfter ich an Butterfly denke
Mit Manon Lescaut, La Boheme und Tosca hatte sich Giacomo Puccini (1858-1924) um 1900 als international erfolgreicher Opernkomponist etabliert. Er galt als Erbe Verdis, von dessen Opern er allerdings nur den Falstaff schätzte. Und auch Verdi hielt von Puccini nicht viel, sah eher in Pietro Mascagni (1863-1945) seinen Nachfolger. Ob sich Verdi und Puccini persönlich begegnet sind, ist fraglich. Unbestritten bleibt; dass sie beide bis heute das Opernrepertoire mitprägen, ihre Werke immer wieder zur interpretatorischen Herausforderung werden.
Am 10. Juni 1900 reiste Puccini nach London, erlebte hier den Triumph seiner Tosca. Er wurde von den Engländern, die seine zurückhaltende Art mochten, als eine Berühmtheit behandelt. Puccini besuchte eines Abends das Duke of York's Theatre und sah die Tragödie Madame Butterfly von David Belasco (1853-1931). Das Stück basierte auf einer Novelle von John Luther Long (1861-1927), die 1898 erstmals erschienen war. Das Schauspiel wurde am 5. März 1900 in New York uraufgeführt und ab den 18. April des gleichen Jahres auch in London gespielt.
Obwohl Puccini kein Englisch verstand, begeisterte ihn die dramatische Grundkonstellation, das exotische Kolorit und die vielen wirksamen Situationen. Darunter war die bei Belasco 14 Minuten dauernde Warteszene Butterflys, während der kein Wort gesprochen wurde.
Das Thema der hoffnungslos liebenden, schönen, wehrlosen Frau rührte Puccini. Er kam nach einem Bericht Belascos nach der Vorstellung "hinter die Bühne, umarmte mich begeistert und bat mich, ihm die Madame Butterfly für ein Opernlibretto zu überlassen. Ich war dazu sofort bereit und sagte ihm, er könne mit dem Stück machen, was er wolle". Eine hübsche Geschichte, aber zu hübsch, um wahr sein zu können. Puccini war kein impulsiver Mensch, der einen Unbekannten umarmen würde. Und Belasco war ein nüchtern kalkulierender Autor und Theaterunternehmer, der seine Rechte nicht verschenkte. Und diese erhielt Puccini auch erst ein Jahr später.
Der Komponist prüfte neben der Butterfly noch andere Stoffe. So dachte er an eine Oper über Marie Antoinette, zog von Gerhart Hauptmann Die Weber und von Viktor Hugo Die Elenden in Betracht. Doch "je öfter ich an Butterfly denke, desto unwiderstehlicher zieht sie mich an", bekannte er gegenüber seinem Verleger Giulio Ricordi und entschied sich für die Tragödie einer Japanerin. Wieder waren Luigi Illica (1857-1919) und Giuseppe Giacosa (1847-1906) die Librettisten. Und wieder kam es wie zuvor schon bei Boheme und Tosca zu Reibereien und Meinungsverschiedenheiten, doch man einigte sich stets, waren doch die künstlerischen Ziele die gleichen. Während Illica und Giacosa am Text arbeiteten, machte sich Puccini mit der japanischen Musik vertraut. Er ließ sich von Madame Ohyama, der Frau des japanischen Gesandten in Italien, Lieder vorsingen, studierte japanische Volksweisen, die er dann in seine Musik integrierte.
Die Kompositionsarbeit wurde am 25. Februar 1903 durch einen Autounfall unterbrochen. Puccini hatte mit Brüchen überlebt, die nur langsam heilten. Für Monate war er zum Nichtstun gezwungen. Am 27. Dezember 1903 vollendete er die Musik zu Madame Butterfly. Anfang Februar 1904 begannen die szenischen Proben für die Uraufführung an der Mailänder Scala, die am 17. Februar zu einem Debakel wurde. Zunächst verhielt sich das Publikum gleichgültig, dann feindselig. Gelächter und spöttische Zwischenrufe störten die Vorstellung. Wie kam es dazu? Viele Indizien sprachen für eine inszenierte Kampagne gegen Puccini, deren Urheber aber unbekannt blieben.
Puccini hatte schon bei den Uraufführungen von Boheme und Tosca die Ablehnung von Publikum und Kritikern erleben müssen. Trotzdem ließ er sich nicht beirren. Und wie bei diesen Opern stellte sich der Erfolg für die Butterfly erst nach der Uraufführung ein.
Puccini überarbeitete die neue Oper in wenigen Details, unterteilte sie, was Giacosa von Anfang an gefordert hatte, in drei statt in zwei Akte. In der modifizierten Fassung wurde Butterfly am 18. Mai 1904 in Brescia gefeiert und gehört seither zu den am meisten gespielten Opern.
D. L.
Was habe ich mit Helden und unsterblichen Gestalten zu schaffen? Ich bin nicht der Musiker der großen Dinge, ich empfinde die kleinen Dinge, und nur sie liebe ich zu behandeln. So gefiel mir Manon, weil sie ein Mädchen war von Herz und nichts darüber So gefielen mir jene vier lustigen Gesellen der Boheme, weil sie so liebe Burschen waren, leichtsinnig, aber gemütvoll und ohne den Anspruch, den anderen imponieren zu wollen. Und so hat mir auch Butterfly gefallen, weil sie so ein kleines, weibliches Ding ist, das aber zu lieben versteht bis zum Tod.
Giacomo Puccini
Fremde Sitten, faszinierende Frauen
In einem Teehaus wird man an seiner Seite bald eine junge, schöne Gefährtin finden, die in einer leichten, reizenden, jedoch nicht nachlässigen, vielmehr geschmackvollen Toilette schmeichelnd dazu einlädt, mit ihr Tee zu trinken und Früchte zu essen. Diese jungen, ebenso gewandten wie lebhaften Damen, die allenthalten in den Teehäusern bedienen, unterhalten in einer nicht gewöhnlichen Art; sie sind witzig und geistreich. Die meisten haben seit ihrer frühesten Jugend eine ausgezeichnete Erziehung genossen - zu dem Zweck, in den Tee-Etablissements die Honneurs zu machen mit allem Anstand und allem Freimut. Und obgleich die Ansichten dieser Mädchen über sittliche Reinheit von europäischen Betrachtungsweisen sehr abweichen, so begegnet man ihnen in Japan doch mit Achtung und Freundlichkeit. Einige von ihnen haben sich wie in Griechenland Aspasia durch ihre Liebenswürdigkeit und Geschliffenheit einen geschichtlichen Ruhm erworben. Ihre Gesellschaft wird weder von Herren noch Damen gescheut, und häufig geschieht es, dass sie eine "gute Partie" machen.
Friedrich Steger, um 1860
Man mietet eine Musume (junges Mädchen) und gibt ihr 4 Dollar, womit sie beim japanischen Zollhaus in Yokohama eine Lizenz kauft, die sie berechtigt, für einen Monat meine Gefährtin zu sein, und die ihr auch ein tägliches Bad in einem öffentlichen Badehaus erlaubt. Man mietet ein Häuschen für 25 Dollar und eine Dienerin für 10 Dollar, und dann geniesst man in Sicherheit die Annehmlichkeiten einer Ehe: für 39 Dollar pro Monat. Wenn das Mädchen dir gefällt, verlängerst du den Vertrag. - Wird sie treu sein? - Ja, ganz bestimmt! Wenn sie gefasst wird, hast du nämlich das Recht, sie vor einen japanischen Gerichtshof zu bringen, wo sie eine gehörige Tracht Prügel erhält. Wenn du darauf bestehst, wird sie verkauft und muss als gewöhnliche Prostituierte zehn Jahre lang arbeiten. Eine Musume zu sein, ist nicht unehrenhaft in Japan.
Samuel Boyer, um 1860
Zu einigen Aspekten der Musik
Was die musikalische Faktur der Madame Butterfly anlangt, so ist zunächst auf das exotische Kolorit hinzuweisen, das weiten Partien das Gepräge gibt. Eine ganze Reihe originaler japanischer Lieder sind in die Partitur eingeflossen. Für Puccini war dabei ein Problem zu lösen: Es galt, ein fremdes Kolorit zu schaffen, das aber den persönlichen Stil nicht aufheben, sondern nur nuanciert und fremdartig überhaucht erscheinen lassen sollte. Sicher ist das über weite Strecken gelungen. Andererseits sollte aber nicht übersehen werden, dass es Puccini nicht immer völlig glückte, einen gewissen kunstgewerblichen Anstrich gerade in diesen exotischen Partien zu vermeiden.
Nicht nur die beiden Amerikaner Pinkerton und Sharpless, zu deren musikalischer Zeichnung Puccini gelegentlich die amerikanische Nationalhymne benutzt, auch Cho-Cho-San wird zuweilen durch eine Musik von ausgesprochen europäischem Duktus charakterisiert. Es ist reizvoll zu beobachten, wie die Heldin auch musikalisch zwischen den beiden Welten gleichsam hin und her pendelt, wie sie sich bald mehr in diesem, bald mehr in jenem Idiom ausspricht. In dieser Unentschiedenheit spiegelt sich genau die Situation wider, an der sie schliesslich zugrunde gehen muss. Es wäre zweifellos ungerecht, wollte man die offenkundig schwachen Punkte des Werkes hervorkehren, ohne zu betonen, dass ihnen Szenen gegenüberstehen, die von grossem, echtem Erleben erfüllt sind. Zu ihnen gehören, um nur einige Beispiele zu nennen, die beiden grossen Arien der Butterfly im zweiten Akt oder die in ihrer Kargheit sehr eindringliche Stelle (im dritten Akt), wo es Cho-Cho-San - über trostlos und unerbittlich absinkenden Akkorden - endlich zur Gewissheit wird, dass Pinkerton sie verlassen hat.
Eine Aufführung sollte, ausgehend von der damaligen Aktualität des Stoffes, nicht das Einzelschicksal der Cho-Cho-San dem Mitleid des Zuschauers anheimgeben, sondern versuchen, ihm die Ursachen ihrer Tragödie einsehbar zu machen.
Wolfgang Marggraf
Literatur:
- Howard Greenfeld, Puccini. Sein Leben und seine Welt, Königstein 1982.
- Kazuo Kani (Hrsg.), Japan. Land zwischen Gestern und Morgen, Berlin 1964.
- Wolfgang Marggraf, Giacomo Puccini, Leipzig 1977
- Musikalische Assistenz: Theo Saye, Peter Geilich, Stefan Veselka, Alexander Mikhailuk
- Regieassistenz: Paul Knäpper
- Inspizient: Larsen Partzsch
- Souffleuse: Erika Gomolzig
- Maske: Noreen Becker
- Kostümanfertigung: Heike Reimers, Eckhard Brandenburger
- Technische Leitung: Heinz-Dieter Riekhoff
- Technische Einrichtung und Bühne: Sören Hansen
- Beleuchtungsmeister: Lutz Moritz
- Requisite: Michael Goldammer, Peter Ripke
Die Dekorationen und Kostüme wurden in den Werkstätten des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters angefertigt.