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Eugen Onegin

Jules Massenet's "Manon" in Flensburg

Schleswig-Holsteinische
Landestheater und Sinfonieorchester GmbH
Spielzeit 2003/2004 - Generalintendant Michael Grosse
www.sh-landestheater.de

Musik von Jules Massenet
Uraufführung 19.01.1884 in Paris

"In jedem Franzosen steckt ein Stück Massenet", äußerte einmal Romain Rolland. Mit diesem "Stück Massenet" meinte er die Grazie, Zartheit und Eleganz einer Musik, die von einer Fülle von Melodien geprägt wird. Diese Eigenschaften sind in Massenets Oper "Manon" mustergültig entwickelt. Sie bildet zusammen mit Bizets "Carmen" und Gounods "Margarethe" ein Opemdreigestim, das typisch für den Esprit französischer Opemkunst des 19. Jahrhunderts ist.

Das Urbild von Jules Massenets "Manon" ist die Heldin aus dem Roman "Die Geschichte des Chevaliers des Grieux und der Manon Lescaut" des Abbe Prevost. 1731 erschienen, markiert der Roman einen Höhepunkt der klassischen französischen Literatur.

Massenets Librettisten Henri Meilhac und Philippe Gille hielten sich eng an die berühmte Vorlage und boten dem Komponisten die Möglichkeit, dem widersprüchlichen Charakter von Manon (Ruxandra Urderean) musikalisch gerecht zu werden.

Guy de Maupassant sah in Manon eine "Gestalt voll verführerischer Reize". Sie sei eine "listenreiche und naive Versucherin, ein Liebestier". Bei Massenet sind diese Züge des literarischen Vorbilds etwas gemildert und stilisiert. Er erfand elegante Gesangslinien, läßt die Musik aufflammen. Sein Lyrismus kommt besonders in den zwischen Arie und Lied angelegten Gesängen des jungen des Grieux (Giuseppe Jacovo) zum Ausdruck. "Notre Folklore" nannte der französische Komponist Francis Poulenc die "Manon"Musik.

Jules Massenets Oper ist aber nicht nur ein Füllhom schöner Melodien, sondem bietet mit der tragischen Liebesgeschichte von Manon und des Grieux lebendiges, heute noch berührendes Musiktheater.

  • Musikalische Leitung Gerard Oskamp
  • Inszenierung Renate Liedtke-Fritzsch
  • Ausstattung Hans Ellerfeld
  • Choreinstudierung Raimund Heusch
  • Dramaturgie Regina Härtling / Dietmar Langberg
  • Manon Lescaut: Ruxandra Urderean
  • Poussette : Antje Bitterlich
  • Javotte: Sylvia Wieland
  • Rosette: Eun-Jin Seo
  • Graf Des Grieux: Jacek Janiszewskil / Markus Wessiack
  • Chevalier Des Grieux: Giuseppe Jacovo
  • Guillot de Morfontaine: Jin Hak Mok
  • Lescaut: Jörg Sändig
  • De Brétigny: Ansgar Hüning

Jules Massenet - Ein zeitgemäßer Komponist

Fünfundzwanzig Opern schrieb Jules Massenet (1842- 1912) in seinem arbeits- und erfolgreichen Leben, neben Oratorien, Balletten, sinfonischen Orchesterwerken, Liedzyklen, Schauspielmusiken.

Ein Riesenoeuvre - zu "zeitgemäß", als dass es seine Zeit mit vielen Opuszahlen hätte überleben können. Darin bildet aber Massenet keine Ausnahme unter seinen französischen Konkurrenten. Immerhin schätzt und spielt man in Frankreich bis heute seine Salome-Oper "Hérodiade", die "Thais", den "Jongleur de Notre-Dame"; "Werther" und - wenn eine Bühne zwei außerordentliche Bässe stellen kann - "Don Quichotte" gehören gar dem Weltrepertoire an. Alle überragt an Wertbeständigkeit und internationaler Attraktion Massenets Meisterwurf "Manon" (1884). Auch heute noch. In Frankreich, in Amerika ist die Oper eine Repertoiresäule, selbst in Italien konkurriert sie mit Puccinis "Manon Lescaut".

"In jedem Franzosen steckt ein Stück Massenet", sagt Romain Rolland. Dieses "Stück Massenet" liebt Grazie, Zartheit und Eleganz, es entzückt sich an maßvoller Harmonie und nimmt es dem Sentiment, das sich in einprägsamen Melodien ausdrückt, nicht übel, wenn es seelische Tiefreisen scheut. All das sind sehr französische Tugenden. Sie zeichnen den wichtigsten Beitrag Frankreichs zur Oper des 18. und 19. Jahrhunderts, die "Opera comique", mit unverwelklichen Reizen aus.

Tatsächlich erscheint Massenets "Manon" neben Bizets "Carmen" als die für den französischen Genius bezeichnendste Oper des 19. Jahrhunderts, Manon selber als die legitime, sentimentalere Schwester Carmens. Ein Urtypus des Weiblichen, jenseits von Gut und Böse, leichtfertig, rücksichtslos und gutmütig zugleich, eine Femme fatale, "Sphinx étonnant", wie ihr höriger Liebhaber sie (mit einem Vers Alfred Mussets) verzweifelt-bewundernd nennt, zwar nicht von der existentialistischen Unerbittlichkeit des Carmen-Schicksals gezeichnet, aber doch eine der faszinierendsten Gestalten der Opernbühne überhaupt. Ihr Urbild, die Heldin des Romans "Die Geschichte des Chevaliers Des Grieux und der Manon Lescaut" des Abbé Prevost (1731), eines epochalen Ereignisses der klassischen französischen Literatur, verlockte vor Massenet schon mehrere Komponisten zur Bühnengestaltung, so 1830 Jacques Halévy und 1856 Daniel Francois Auber. Massenet hielt sich enger an den berühmten Roman als später Puccini (1892).

Wir erleben in den sechs Szenen Manon als die plappernde Unschuld vom Land; als die Verliebte, die sich dennoch sogleich der Macht der Verhältnisse beugt und tränenreich Abschied vom "kleinen Tisch" ihres ersten Glücks nimmt; als die lebenshungrige Grand Dame des dritten Bildes; als die virtuose Verführerin des angehenden Priesters; als die von der Dämonie des Goldes Besessene in der Spielhölle; schließlich Manon, die vernichtete, sterbende, die noch im Tode mit Juwelen kokettiert und als letzten Seufzer eine Pointe bereit hat: "Und das ist die Geschichte von Manon Lescaut."

Für alle diese Facetten findet Massenet treffende Musiksymbole - in seinen eleganten, schmiegsamen Kleinformen, vor allem aber in seinen Gesangsmelodien. Die Orchestration ist an Farbigkeit und Luzidität nicht zu übertreffen. Massenets Meisterwerk ist aber nicht nur als Spender einer "Bombenrolle" und als Hort "schöner Melodien", also als ein Stück Theatermuseum zu betrachten, sondern als ein Zeugnis lebendigen Musiktheaters.

Kurt Honolka

Zwischen Geist und Gewalt

Der Autor der literarischen Vorlage von Massenets Oper, der Abbé Prevost, hieß mit vollem Namen Antoine-Francois Prevost d'Exiles und wurde 1697 geboren. Für den geistlichen Stand bestimmt, riss er mit fünfzehn Jahren aus und verdingte sich als Soldat. Dennoch beendete er seine Ausbildung als Geistlicher, unterbrach sie aber immer wieder für ein Soldaten- und Abenteuerleben.

Er hielt sich abwechselnd in Frankreich, England und Holland auf, schon zu Lebzeiten eine Legende, der man alles mögliche andichtete, u.a. Bigamie. Überliefert ist eine reiche literarische Produktion, aus der der 1731 oder 1733 erschienene Roman "Manon Lescaut" herausragt. 1736 schien die Sturm- und Drangzeit Prévosts vorbei gewesen zu sein, wurde er doch Seelsorger des Prinzen von Conti.

1754 dann erfolgte seine Ernennung zum Prior eines Klosters. Fünf Jahre später, 1759, erschien der Manon-Roman erstmals in deutscher Übersetzung in Leipzig. 1763 starb Prevost, der zu den wichtigsten Autoren Frankreichs im 18. Jahrhundert zählte.

Durch seine "Memoiren", in denen er sehr persönlich seine Zeit reflektierte, durch "Manon Lescaut" und durch Übersetzungen englischer Romane wurde er zum Wegbereiter der Empfindsamkeit in Frankreich. Sein Meisterwerk war zweifellos die Geschichte von Manon und Des Grieux, ist sie doch eine gelungene Mischung aus Abenteuer- und psychologischem Liebesroman.

"Manon war ein Geschöpf von ungewöhnlichem Charakter. Kein Mädchen hing weniger am Geld als sie; aber sie hatte keinen ruhigen Augenblick, wenn sie fürchten musste, es könnte ihr daran fehlen. Was sie brauchte, waren Lust und allerlei Zeitvertreib."

Abbe Prevost

Zur Handlung

1. Bild

Auf dem Pariser Flughafen Orly ist eine Maschine gelandet. Die Passagiere eilen in die Abfertigungshalle, wo die Bar bereits vom Modezaren Bretigny und seinen drei Models Poussette, Javotte und Rosette sowie deren "Mäzen", dem reichen Guillot de Morfontaine, belagert wird. Unter den Passagieren ist auch Manon, die von ihrem Cousin, dem Polizeioffizier Lescaut, erwartet wird. Lescaut soll das Mädchen ins Internat begleiten.

Er ist von ihrer unbekümmerten, naiven Koketterie überrascht und amüsiert und von ihrer Schönheit fasziniert. Während in Bretigny der Wunsch, Manon zu besitzen, im Stillen reift, bringt Guillot sein Entzücken lautstark zum Ausdruck und bietet ihr zweideutig seinen Wagen an. Lescaut kommt hinzu und hält Manon eine Moralpredigt in Sachen "Familienehre", überlässt sie aber bald sich selbst und verschwindet mit den Models. Der junge Chevalier Des Grieux hat den Abflug verpasst. Er sieht Manon, ist fasziniert von ihr und weiß nicht, ob sein "Leben jetzt beginnt und endet".

Er spricht sie an. Manon ist von dem liebenswerten jungen Mann sehr angetan und lässt sich nur zu gern dazu überreden, anstatt ins langweilige Internat mit ihm nach Paris zu fahren, um dort ein Fest fürs Leben zu feiern.

2. Bild

Manon und Des Grieux haben sich ein Zimmer genommen und dort eine kurze Zeit intensiv und glücklich gelebt. Gemeinsam lesen sie einen Brief, in dem Des Grieux seinem Vater schwärmerisch von Manon berichtet.

Plötzlich dringen Lescaut und der als Polizist verkleidete Bretigny ein, Lescaut spielt sich als Hüter der Familienehre auf, will aber in Wahrheit Manon mit Bretigny verkuppeln, der ihr bereits den Hof gemacht hat. Während Des Grieux versucht, Lescaut von seinen ehrlichen Absichten gegenüber Manon zu überzeugen und ihm den Brief an den Vater zu lesen gibt, informiert Brätigny Manon über die Absicht des alten Des Grieux, seinen Sohn entführen zu lassen, und bietet ihr ein Leben in Reichtum und Glanz an. Diesem Angebot kann Manon nicht widerstehen. Sie warnt ihren Geliebten nicht, der entführt wird. Sie nimmt Abschied vom kleinen Tisch ihres ersten Glücks.

3. Bild

Bretigny präsentiert die neuesten Modelle seiner Kollektion und seine Errungenschaft: Manon. Sie erstrahlt als Schönheitskönigin des Abends. Zufällig erfährt sie aus einem Gespräch zwischen Bretigny und dem alten Des Grieux, dass dessen Sohn, ihr einstiger Geliebter, Priester werden will. Erneut erwacht ihre Sehnsucht nach ihm. Vom Vater ihres Liebhabers muss sie - beide verbergen ihre Identität voreinander- hören, dass jener sie vergessen habe.

4. Bild

Der junge Des Grieux hat im Kloster Saint Sulpice seine erste Predigt gehalten. Sein Vater will von ihm wissen, ob sein Entschluss, Priester zu werden, endgültig sei. Des Grieux hält aus bitterer Enttäuschung in der Liebe zu Manon an seiner Entscheidung fest.

Er will mit aller Gewalt die Erinnerung an Manon auslöschen. Manon sucht ihn jedoch im Kloster auf und kann ihn für sich zurück gewinnen.




5. Bild

Auf Drängen Manons besucht Des Grieux mit ihr ein Spielcasino, wo Guillot, seine drei "Grazien" und andere Angehörige des Jetsets spielen.

Von Manon überredet und von Guillot herausgefordert, spielt auch Des Grieux und gewinnt sehr viel Geld. Daraufhin inszeniert Guillot einen Skandal und beschuldigt des Grieux des Falschspiels und lässt ihm Koks in die Tasche schmuggeln. Er informiert die Polizei.

Der Graf hat inzwischen von der erneuten Flucht seines Sohnes erfahren und ist ihm gefolgt. Gemeinsam mit Bretigny betritt er den Spielsaal. Brätigny verhindert die Verhaftung des jungen Des Grieux, fordert aber die Polizei auf, Manon festzunehmen, da sie ihm angeblich ein Collier gestohlen habe.


6. Bild

Im Gefängnis ist Manon den Wärtern ausgeliefert, die sie nach Lust und Laune nehmen. An diesen sexuellen Übergriffen und Demütigungen zerbricht sie.

Noch einmal kann sie Des Grieux sehen, der ihr zur Flucht verhelfen will. Aber sie ist sich bewusst, dass sie ihn trotz ihrer Liebe immer wieder verletzen und verlassen wird, da sie den Verlockungen der Welt nicht widerstehen kann.

Ihr Selbstmord ist ein Akt der Befreiung und der Liebe zu Des Grieux.


Belle Epoque !?

Massenet wurde ein "musicien de la Belle Epoque" genannt. Die chronologische Zuordnung ist durchaus korrekt, denn der Beginn der künstlerischen Laufbahn Massenets als Opernkomponist (mit "Le Roi de Lahgore", 1877) fällt ungefähr zusammen mit dem Aufschwung der Republik nach 1871 und endet 1912, zwei Jahre vor Beginn des I. Weltkrieges. Äußerlich bestimmt durch ein industrielles Wachstum großen Stils, dokumentiert u. a. durch die Weltausstellungen, von denen in kurzer Folge zwei in Paris stattfanden (neben dem Eiffelturm war Massenets "Esclarmonde" 1889 die Sensation), bestimmt weiterhin durch einen beispiellosen Aufschwung zivilisatorischer Güter (auch Massenet erhält über Nacht sein Telefon), brachen in aller Schärfe bis dahin schlummernde Widersprüche auf.

Unter ihnen zwei, die für einen Künstler wie Massenet von besonderem Interesse waren. Die Funktion von Kunst und die Stellung der Frau in der Gesellschaft. "Die Belle Epoque war ein überreicher Jahrmarkt des Amüsements, ihr Zentrum, ihr Überlebens-Symbol war die Ville-Lumière, die Weltstadt Paris. Die Nouveaux-Riches, die Industriefürsten, die Bankiers demonstrierten, dass für Geld alles zu haben war und dem Amüsierbedarf zwei Dinge vor allen anderen käuflich waren: Kunst und Liebe." Zur Illustration die Arie aus "Manon", 3. Akt, "Nutzt die schönen Tage, wo die Liebe euch erfreut!" Manon vertritt das natürliche Recht, jung und schön zu sein, sich verwöhnen zu lassen.

Widersprüchlich für die liebe, treulose Manon sind die Bedingungen, an die die schönen Dinge alle geknüpft sind, an das Geld. Solange es reichlich fließt, kann sich die Individualität frei entfalten, doch schafft es gleichermaßen nüchterne Beziehungen zwischen den Menschen, die besonders dann hervortreten, wenn es an Geld mangelt, wie in der Spielszene im Transsylvania-Hotel vorgeführt wird. Darüber hinaus wird die Einstellung zur Frau von Lescaut im 1. Akt deutlich ausgesprochen. Der Ehrenkodex der Familie steht eindeutig vor den individuellen Wünschen, außerdem rangieren Spiel und männliches Vergnügen vor der Pflicht gegenüber der Cousine.

Doch weiter im Zitat von Dietrich Gräwe: "Die Industrie, die Banken, die Theater, die Spielhöllen, die Freudenhäuser sind eine logische, fast schon notwendige, zumindest psychologisch einleuchtende Systemkette. Das 19. Jahrhundert ist nicht nur das klassische Industriezeitalter, es hat auch die Industrialisierung der Kunst und des Vergnügens im großen Stil durchgesetzt."

Trotzdem Menschlichkeitsideale zu pflegen, ist ausgeschlossen, jedoch fand Massenet einen Weg, authentische Kunstwerke vorzulegen, die die Epoche kritisch beleuchten.

Reiner Zimmermann


Der Abbe Prevost an der Opera-Comique

Es war an einem Herbstmorgen des Jahres 1881. Ich steckte voller Unruhe und Bangigkeit. Von Carvalho, damals Direktor der Opera-Comique, war mir ein Dreiakter anvertraut worden, "Phobé" von Henri Meilhac. Wieder und wieder hatte ich das Stück gelesen, aber nichts Verführerisches war davon auf mich ausgegangen. Schließlich raffte ich all meinen Mut zusammen und erschien bei Meilhac. Ich sehe ihn noch vor mir - neben einem umfangreichen Tisch reinsten Louis XIV. saß er an einem runden Tischchen und schrieb. Meine Verlegenheit war grenzenlos.

Da fiel mir, einer Offenbarung gleich, der Titel eines Werkes in die Augen. "Manon" rief ich aus und wies mit ausgestrecktem Finger auf ein Buch. "Ja, es ist 'Manon Lescaut', meinte Meilhac, "möchten Sie 'Manon Lescaut' machen?" "Nein, ganz kurz, 'Manon', 'Manon', das ist es 'Manon'!" "Essen Sie morgen mit mir bei Vachette", sagte Meilhac,"und ich werde Ihnen erzählen, was ich in die Wege geleitet haben werde..." Als ich dieser Einladung folgte, steckte in meinem Herzen viel zu viel Neugierde, als dass mein Magen auf seinen Appetit hätte verweisen können. Ich begab mich also zu Vachette und - oh wunderbare Überraschung, die man gar nicht wiedergeben kann, was fand ich dort unter meiner Serviette?

Die ersten beiden Akte von "Manon". Wenige Tage später sollten die drei anderen folgen.

Schon seit langem hatte mich die Idee, an dieses Werk zu gehen, bedrängt. Und nun war der Traum Wirklichkeit geworden. Im gleichen Sommer war Meilhac in den Pavillon Henri IV. in Saint Germain gezogen. Gewöhnlich überraschte ich ihn gegen 17 Uhr, wenn sein Arbeitstag - das wusste ich - beendet war. Dann tüftelten wir bei Spaziergängen neue Arrangements im Libretto aus. So entschieden wir uns für die Szene im Seminar Saint Sulpice, und um zum Ausklang des 3. Aktes einen schärferen Krontrast zu schaffen, bestand ich auf der Szene im Transsylvania-Hotel. Wie habe ich mich an dieser Zusammenarbeit gefreut, an diesem Schaffen, bei dem wir Ideen austauschen konnten, ohne dass sie je aufeinandergeprallt wären. Beide hatten wir den gemeinsamen Wunsch, so weit als möglich zur Vollkommenheit zu gelangen.

Jules Massenet

Quellen: Kurt Honolka, Vorwort zum Klavierauszug "Manon", Alkor-Edition, Kassel 1968 Jules Massenet, "Mein Leben". Autobiographie, hrsg. v. Reiner Zimmermann, Heinrichshofens Verlag, Wilhelmhaven 1982