Stephen Sondheim's Musical Sweeney Todd in Flensburg
Wer war Sweeney Todd?
Die Herkunft der Schauergeschichte um den Teufelsbarbier Sweeney Todd liegt im Dunkeln. Möglicherweise beruht sie auf einem authentischen Mordfall, der um 1780 in der Londoner Fleet Street passierte. Erstmals wurde die Story 1846 unter dem Titel "The String of Pearls" in der englischen Wochenzeitung "The People's Periodical and Family Library" (gedruckt in der Fleet Street!) veröffentlicht. Sie war äußerst erfolgreich und fand bald darauf in Form eines Melodrams (vermutlich von Thomas Peckett Prest und George Dibdin Pitt) Verbreitung. Weitere Versionen folgten bis hin zu Christopher Bonds Schauspiel, das Sondheim 1973 in Stratford gesehen hat. Die Musical-Adaption erzählt die Geschichte nicht als vordergründig blutrünstigen Thriller, sondern zeichnet Todd wie auch alle anderen Figuren mit einer konkreten Biographie, die sich im Verlauf des Stückes mosaikartig erschließt und sein Handeln nachvollziehbar, ja verständlich erscheinen lässt.
Teuflische Maßstäbe
Todd wurde auf verbrecherische Weise großes Unrecht und Leid zugefügt. Als er nach 15 Jahren aus der Verbannung zurückkehrt, ist sein einziges Ziel, sich an dem Menschen zu rächen, der sein Leben zerstört hat: Richter Turpin. Durch verschiedene Umstände verstrickt sich Todd in eine Mordserie, bevor er sein eigentliches Opfer erwischt.
Der individuelle Konflikt hat jedoch eine soziale Dimension und steigert sich so ins Maßlose. Der Richter, von Amts wegen unantastbar, gehört zur High Society, während Todd und seinesgleichen eine klägliche Existenz fristen und selbst durch Arbeit und Fleiß innerhalb des bestehenden Systems keine Chance haben, ihre Situation zu verbessern. Der Rachegedanke wird vom Einzelfall auf eine bestimmte soziale Schicht, nämlich auf die Reichen und Wohlhabenden, übertragen. Teuflische Zeiten verlangen teuflische Maßstäbe. Nicht das Gesetz, sondern "der Tod macht alle gleich". Todd übt Selbstjustiz. Sein Feindbild ist klar definiert: "Die Hautevolée macht jetzt uns einmal satt". Das Geschehen trägt sich zu in London 1848. Im gleichen Jahr erschien das "Kommunistische Manifest" von Karl Marx und Friedrich Engels.
Schwarzer Humor
SWEENEY TODD ist ein unkonventionelles Musical hinsichtlich der Wahl des Stoffes und der theatralisch-musikalischen Mittel. Spannend, bissig, doppelbödig, sarkastisch, gewürzt mit komischen und parodistischen Momenten, läuft eine Folge von nahtlos ineinander übergehenden, teilweise simultan strukturierten Szenen ab, ähnlich der Technik des Überblendens oder des harten Schnittes im Film. Die Musik ist kein autonomes Medium, sondern an Text und Szene gebunden. Sie lebt von scharfen Kontrasten und "Brüchen". Melodien blühen kurz auf, kommen aber nicht zu einer wirklichen Entfaltung. Sondheim benutzt Techniken der Filmmusik, er charakterisiert z.B. eine bestimmte Situation oder Atmosphäre mit wenigen Tönen und Klängen, aber auch traditionelle Ausdrucksmittel der Oper Wie musikalische Reminiszenzen und große Ensemblenummern. Die kongeniale Einheit von Wort und Musik zeigt sich beispielsweise, wenn drastische Texte, die auch sozialen Zündstoff enthalten, mit einem grotesk verzerrten, pervertierten "Walzer" kombiniert werden:
"ich hör den Klang dieser Welt, der ruft.
Ein Höllenlärm lässt erzittern die Luft.
Die Menschen verschlingen einander voll Gier.
Und alle tun es, warum nicht auch wir?"
Oder an anderer Stelle:
"Es hat sich endlich gedreht das Blatt,
die Hautevolée macht jetzt uns einmal satt!"
Stephen Sondheim - ein Gigant des Theaters
Stephen Sondheim, geboren 1930 in New York, gehört zu den erfolgreichsten Theaterautoren und Komponisten der Welt. Er ist außergewöhnlich talentiert, originell und sprachgewand, wurde mit mehreren Tonys und dem Pulitzer-Preis geehrt. Sondheim studierte am Williams College in Williamstown (Massachusetts) und nahm Privatunterricht bei Milton Babbitt. Oscar Hammerstein, einer der Väter des Musicals, war sein Mentor. Seine Karriere begann als Songtexter, er wurde zur Mitarbeit an Bernsteins WEST SIDE STORY gewonnen. Die Begegnung mit Bernstein prägte auch seine Entwicklung als Komponist. Er selbst sagt, dass er von "Lennie" gelernt hat, musikalisch nicht so brav zu sein, auch ungerade Phrasenlängen zuzulassen. Der Produzent und Regisseur Harold Prince war für Sondheim, der immer Neues ausprobiert und Risiken in Kauf genommen hat, über viele Jahre einer der wichtigsten Partner. Nicht jede Musical- oder Showproduktion Sondheims war so erfolgreich wie SWEENEY TODD (Uraufführung am 01.03.1979), ein Stück, das mit acht Tony Awards ausgezeichnet wurde. Die deutsche Erstaufführung fand 1985 in Freiburg i. Br. statt.
Weitere Stücke von Sondheim sind u.a. SATURDAY NIGHT, GYPSY, FOLLIES, A LITTLE NIGHT MUSIC, PACIFIC OVERTURES, MERRILY WE ROLL ALONG, SUNDAY IN THE PARK WITH GEORGE, INTO THE WOODS, PASSION sowie DAS LÄCHELN EINER SOMMERNACHT nach dem Film von Ingmar Bergmann.
London im 19. Jahrhundert
London war schon in vorindustrieller Zeit ein bedeutender Handels- und Finanzplatz. Kolonien und Industrialisierung begründeten die weltwirtschaftliche Stellung. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gingen 80% der britischen Importe und 70% der Exporte über den Londoner Hafen. Durch Einwanderer von den britischen Inseln, den Kolonien und dem europäischen Kontinent nahm die Einwohnerzahl rasant zu - sie vergrößerte sich um das Sechsfache! Durch die industrielle Revolution entstanden zwar viele neue Arbeitsplätze, aber bei weitem nicht genug. Die daraus resultierenden sozialen Probleme spiegeln sich z.B. in den Romanen von Charles Dickens.

So eine Stadt wie London, wo man stundenlang wandern kann, ohne auch nur an den Anfang des Endes zu kommen, ohne dem geringsten Zeichen zu begegnen, das auf die Nähe des platten Landes schließen ließe, ist doch ein eigen Ding. Diese kolossale Zentralisation, diese Anhäufung von dritthalb Millionen Menschen auf einem Punkt hat die Kraft dieser dritthalb verhundertfacht; sie hat London zur kommerziellen Hauptstadt der Welt erhoben, die riesenhaften Docks geschaffen und die Tausende von Schiffen versammelt, die stets die Themse bedecken. Ich kenne nichts Imposanteres als den Anblick, den die Themse darbietet, wenn man von der See nach London Bridge hinauffährt. Die Häusermassen, die Werfte auf beiden Seiten, besonders von Woolwich aufwärts, die zahllosen Schiffe an beiden Ufern entlang, die sich immer dichter und dichter zusammenschließen und zuletzt nur einen schmalen Weg in der Mitte des Flusses frei lassen, einen Weg, auf dem hundert Dampfschiffe aneinander vorüberschießen - das alles ist so großartig, so massenhaft, dass man gar nicht zur Besinnung kommt und dass man vor der Größe Englands staunt, noch ehe man englischen Boden betritt. Aber die Opfer, die das alles gekostet hat, entdeckt man erst später. Wenn man sich ein paar Tage lang auf dem Pflaster der Hauptstraßen herumgetrieben, sich mit Mühe und Not durch das Menschengewühl, die endlosen Reihen von Wagen und Karren durchgeschlagen, wenn man die "schlechten Viertel" der Weltstadt besucht hat, dann merkt man erst, dass diese Londoner das beste Teil ihrer Menschheit aufopfern mussten, um alle die Wunder der Zivilisation zu vollbringen, von denen ihre Stadt wimmelt.
Daher kommt es denn auch, dass der soziale Krieg, der Krieg Aller gegen Alle, hier offen erklärt ist.... Der Krieg der Armen gegen die Reichen wird der blutigste sein, der je geführt worden ist.
Friedrich Engels
Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845)
Verbrechen
Wenn sich die Demoralisation und die Verbrechen noch zwanzig Jahre lang in diesem Maße vermehren - was wird dann das Resultat sein? Wir sehen schon jetzt die Gesellschaft in voller Auflösung begriffen, wir können keine Zeitung in die Hand nehmen, ohne in den schlagendsten Tatsachen die Lockerung aller sozialen Bande lesen zu müssen.
Mir fällt gerade eine "Times" (12. September 1844), die nur die Vorfälle eines Tages berichtet, in die Hand, die von einem Diebstahl, einem Angriff auf die Polizei, einem Alimentationsurteil gegen den Vater eines unehelichen Kindes, der Aussetzung eines Kindes durch seine Eltern und der Vergiftung eines Mannes durch seine Frau erzählt. Ähnliches ist in allen englischen Zeitungen zu finden. In diesem Lande ist der soziale Krieg vollständig ausgebrochen; jeder steht für sich selbst und kämpft für sich selbst gegen alle anderen. Und dieser Krieg wird, wie die Kriminaltabellen beweisen, von Jahr zu Jahr heftiger, leidenschaftlicher, unversöhnlicher.
Friedrich Engels
Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845)
Diese Welt hat ein Loch wie ein Höllenschlund, vollgestopft mit Menschen, die sind nichts als Schund. Wer nicht frisst, der wird gefressen und geht zugrund.
Wir kriechen auf dieser Erde herum, und von jeher gibt es zwei Sorten von Menschen auf der Welt. Eine tut ihre Pflicht, voller Fleiß und stumm, und die andere trampelt auf dieser herum.
Wenn man das Leben der Bösen etwas verkürzt, wird das Leben der anderen etwas gewürzt. Der Tod macht alle gleich!
Ich krieg euch Schurken! Alle!
Nicht einer, auch nicht zehn,
nein, auch nicht hundert sind genug mir! Ich will alle!
Sweeney Todd
in dem Musical von Stephen Sondheim (1979)
Uraufführung am 01.03.1979, Uris Theatre, New York
Broadway Produktion von Richard Barr, Charles Woodward, Robert Fryer, Mary Lea Johnson, Martin Richards. In Zusammenarbeit mit Dean und Judy Manos