Puccinis "La Bohème" in Flensburg
Schleswig-Holsteinische
Landestheater und Sinfonieorchester GmbH
Spielzeit 2002/2003 - Generalintendant Michael Grosse
www.sh-landestheater.de
Giuseppe Jacovo und Ruxandra Urderean vor der Premiere: Vorfreude auf den Auftritt und konzentrierte Spannung auf den Gesichtern der beiden Hauptdarsteller.(Bild links)
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Die Presseberichte zur Premiere:
"Das Buch nahm mich mit einem Schlag gefangen"; schrieb Giacomo Puccini nach der Lektüre von Henri Murgers "Scènes de la vie de Bohème". "In jener Umgebung von Studenten und Künstlern fühlte ich mich sofort zu Hause. Ich brauchte Episoden aus dem Gefühlsleben, die zu Herzen gehen. Und dann Gesang. In dem Buch von Murger war alles, was ich suche und liebe: die Frische, die Jugend, die Leidenschaft, die Fröhlichkeit, die schweigend vergossenen Tränen, die Liebe mit ihren Freuden und Leiden." Puccini arbeitete in seiner Villa in Torre del Lago, wo er unter dem Namen "Bohème-Club" häufig gemütliche Abendgesellschaften mit seinen Freunden abzuhalten pflegte, mit großer Begeisterung an seiner neuen Oper, die 1896 in Turin uraufgeführt wurde, genau drei Jahre nach dem sensationellen Erfolg von "Manon Lescaut".
Die Freunde Rodolfo (Giuseppe Jacovo), Marcello (Jörg Sändig), Schaunard (Ansgar Hüning) und Collin (Jacek Janiszewski / Markus Wessiack) führen in Paris ein fröhlich-schreckliches Bohème-Dasein. Als Künstler - Dichter, Maler, Musiker und Philosoph - können sie ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten. Mimi (Ruxandra Urderean), gleichfalls in ärmlichen Verhältnissen lebend, begegnet Rodolfo. Beide fühlen, dass sie zueinander gehören. Während Marcello und seine kokette Freundin Musetta (Antje Bitterlich), die sich zeitweilig reiche Liebhaber sucht, nach Streit, Eifersucht und Trennung immer wieder zueinander finden, scheitert die Liebe zwischen Rodolfo und Mimi an der Realität. Ihre Sehnsucht und ihre Hoffnungen erfüllen sich nicht, denn Mimi ist todkrank...
Die lockere Bildfolge der Oper nimmt bereits eine filmische Dramaturgie vorweg und setzt auf die Kontraste von lyrischer Empfindsamkeit, humoristischen Momenten, Milieuschilderung und großer Tragik. Dabei ist die Geschichte von gestrandeten oder gescheiterten Menschen, die bewusst eine Alternative zum bürgerlichen Lebensmodell suchen und sich nach Liebe, Glück, Wärme und Geborgenheit sehnen, heute so aktuell wie damals.
... Erleichterung über die gelungene Premiere zeigt sich in den entspannten, freudigen Gesichtern, mit denen Giuseppe Jacovo und Ruxandra Urderean den Applaus des begeisterten Publikums entgegennehmen. (Bild links)
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Zur Handlung
1. Bild

Der Dichter Rodolfo und der Maler Marcello versuchen, in ihrer armseligen Behausung zu arbeiten, doch vor Hunger und Kälte gelingt es ihnen nicht recht. Rodolfo opfert sein neuestes Drama für ein kurzes Feuer im Ofen. Collin, der Philosoph, kehrt missmutig von einem vergeblichen Gang zum Leihhaus zurück. Heute, am Heiligabend, ist es geschlossen.
Schaunard, der Musiker, hatte mehr Glück. Er bringt zur allgemeinen Freude Speisen, Wein, Brennholz und sogar etwas Geld mit, das er mit einem sonderbaren Auftrag verdient hat: Für einen spleenigen reichen Engländer musste er einen Papagei zu Tode musizieren. Da platzt der Hausbesitzer Benoit herein, um die längst fällige Miete zu kassieren. Die Freunde empfangen ihn zuvorkommend, bieten ihm Wein an und entlocken ihm Geständnisse verschiedener Liebesabenteuer. Mit gespielter Entrüstung über sein unmoralisches Verhalten werfen sie ihn dann zur Tür hinaus.
Die Freunde beschließen, den Abend im Café Momus zu verbringen. Rodolfo bleibt noch zurück, um einen Artikel zu vollenden. Da klopft es. Mimi, eine Nachbarin, bittet um Licht für ihre verloschene Kerze. Ein Schwächeanfall zwingt sie, etwas zu verweilen. Sie verliert ihren Schlüssel, den Rodolfo bei der Suche im Dunkeln heimlich einsteckt. Mimi und Rodolfo kommen einander näher und verlieben sich ineinander. Rodolfo erfährt, dass Mimi allein lebt und ihren Lebensunterhalt mit Handarbeiten verdient. Als die Freunde nach Rodolfo rufen, folgt ihnen das neue Paar zum Café Momus.
2. Bild

Es herrscht ein buntes, ausgelassenes Treiben. Straßenhändler bieten ihre Waren an, der Spielzeughändler Parpignol kann sich vor dem Ansturm der Kinder kaum retten. Die Freunde bringen Schaunards Honorar unter die Leute. Rodolfo schenkt Mimi ein rosa Hütchen. Schließlich kehren sie gemeinsam ins Café Momus ein. Dort erscheint auch Musetta, Marcellos frühere Geliebte, mit ihrem derzeitigen reichen Galan Alcindoro. Ihre alte Liebe erwacht aufs neue. Verführerisch setzt sich Musetta für den eifersüchtigen Marcello in Szene. Sie schickt Alcindoro unter einem Vorwand weg, um zu Marcello zurückzukehren. Die beiden Paare, Schaunard und Collin entfliehen im Gedränge der vorbeiziehenden Wachparade. Alcindoro muss die Rechnung für alle bezahlen.

3. Bild
Marcello und Musetta haben in einem Wirtshaus am Stadtrand Unterkunft gefunden. An einem kalten Wintermorgen erscheint Mimi an der Zollschranke und fragt nach Marcello. Sie spricht mit ihm über Rodolfos unbegründete Eifersucht. Marcello rät ihr zur Trennung. Als Rodolfo hinzukommt, versteckt sich Mimi und belauscht das Gespräch der Freunde.
So erfährt sie Rodolfos wahre Beweggründe. Er fühlt sich wegen seiner Armut nicht in der Lage, die schwerkranke Mimi zu versorgen. Sie verrät sich durch einen Hustenanfall. Die beiden Liebenden versöhnen sich und beschließen, noch bis zum Frühjahr zusammen zu bleiben.
Musetta und Marcello geraten wieder einmal in Streit. Nach einer heftigen Eifersuchtsszene läuft Musetta wütend davon.
4. Bild
Marcello und Rodolfo gelingt es nicht, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Ihre Gedanken sind bei Musetta und Mimi, die sie schon lange nicht mehr gesehen haben. Collin und Schaunard bringen etwas zum Abendessen mit. Die vier Freunde versuchen, mit Humor das Beste aus der Situation zu machen, beginnen zu tanzen und führen Scheinkämpfe.
Musetta bringt die todkranke Mimi zu ihnen, die Rodolfo noch einmal sehen will. Alle bemühen sich um Mimi. Musetta versetzt ihren Schmuck, um Medikamente und einen Arzt zu besorgen, Collin trennt sich von seinem geliebten Mantel. Allein zurückgeblieben erinnern sich Rodolfo und Mimi noch einmal an ihre gemeinsame glückliche Zeit. Die Freunde kehren zurück. Mimi stirbt. Rodolfo bemerkt es als Letzter.
Phänomen der Verklärung
Puccini und seine Librettisten schufen mehr als eine Folge von Genrebildern. Der einheitliche Schauplatz des ersten und letzten Bildes bewirkt trotz des Prinzips der Reihung einen geschlossenen Gesamteindruck. Puccini stellt die menschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt, die Frage von Bewährung und Versagen. Mit viel Sympathie und Einfühlungsvermögen zeigt er die Bohémiens, Mimi und Musetta. Kontraste von Tragik und Übermut, melodischer Schmelz, Poesie, Süße und Schwermut prägen die Partitur. Am Ende steht hilflose Betroffenheit im Raum.

Doch selbst die Härten des ungewissen, entbehrungsreichen Daseins artikulieren sich mit wunderschönen, schwelgenden Kantilenen. Dies ästhetische Phänomen der Verklärung bewirkt die ungeheure Emotionalität der Musik.
Quellen:
- Puccini, La Bohème, Hrsg. Staatsoper Unter den Linden, Insel Verlag Frankfurt a. M. und Leipzig 2001;
- Puccini, La Bohème, Texte, Materialien, Kommentare, Hrsg. Attila Csampai und Dietmar Holland, Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1981
- Libretto in italienischer Sprache
Nach der Premiere


